Welchen Einfluss hat Temu auf den deutschen E-Commerce?

Billigpreise, kurze Lieferzeiten, Unmengen an Artikeln: von Kleidung über Kosmetik bis hin zu Bürobedarf. Temu ist gerade in aller Munde, bei den Kunden als neuer Wundermarktplatz und bei deutschen Händlern als Dorn im Auge. Erst 2022 in den Vereinigten Staaten gegründet, konnte die Online-Plattform, die aus China heraus arbeitet, in weniger als zwei Jahren ein enormes Wachstum verzeichnen. Doch wie hat der Marktplatz diesen Aufstieg geschafft und welchen Einfluss hat das auf die deutsche E-Commerce-Landschaft?
Ein Handy mit dem Logo von TEMU ist zu sehen, dahinter das Logo in Groß auf einer Wand

Was steckt hinter Temus Erfolg?

Temu hat den richtigen Zeitpunkt abgepasst. Durch die starke Inflation in den Jahren nach der Pandemie achten Verbraucher noch mehr auf ihre Ausgaben als zuvor. Man will aber auch nicht auf die neuesten Trends verzichten, vor allem nicht die jüngere Generation. Auch der Zyklus dieser Trends speziell in der Modebranche verkürzt sich derzeit, sodass anstatt den früheren vier Kollektionen pro Jahr (passend zu den Jahreszeiten) mittlerweile bis zu zwölf von jedem Moderiesen produziert werden. Wie kann man also weiterhin viel verkaufen, trotz sinkender Kaufkraft? Niedrige Preise.

Shein hat es vorgemacht, Temu setzt noch einen oben drauf. Nicht nur Kleidung, sondern auch Elektroartikel, Freizeitutensilien und so weiter: Bei Temu wird man fündig, auch wenn man gar nicht danach gesucht hat. Dazu wird man auch in eine Art Kaufrausch versetzt. Mit einem Glücksrad kann man direkt beim Öffnen der App Gratisartikel gewinnen. Wenn dann die Schuhe nur 8€ kosten, fügt man gern noch mehr Produkte in den Warenkorb hinzu. Und die Auswahl für weitere Artikel ist vorhanden. Temu bietet nahezu alles und tut dies in einem Design, das an Social Media erinnert. Endloses Scrollen, was die jungen Leute schon von Instagram und TikTok kennen, lädt zum Verweilen ein. Wer mehr Zeit auf der App verbringt, findet sicher noch mehr Produkte, die er erwerben will.


Das Erfolgsrezept: schnell und viel

Shein und Temu verfolgen dieselben Werbe- und Herstellungstaktiken. Aus China heraus werden Pakete in den Rest der Welt versendet. Diese unterschreiten die Zollgrenze, wenn nötig auch durch das Aufteilen der Ware auf mehrere Teilsendungen. Obwohl mit den Tiefpreisen die Freigrenze von 150€ selten erreicht wird. Und die Schnelligkeit des Versands? Während andere Marktplätze wie Wish zwar mit niedrigen Preisen punkten können, sind die Lieferzeiten außerordentlich. Bei Temu ist das nicht der Fall. Falls doch ein Produkt länger braucht, bekommt man als Kunde sogar einen Rabatt für den nächsten Einkauf. Dies ist möglich, da es keine Zwischenhändler gibt, die die Lieferkette verlängern. Innerhalb weniger Tage kann produziert und direkt versandt werden. Außerdem ist dieses System auch extrem flexibel. Kommt ein Artikel gut bei den Kunden an, kann innerhalb kürzester Zeit die Produktion ausgebaut werden. Falls das nicht der Fall ist, wird einfach kein Nachschub hergestellt. Die Fertigung erfolgt also nicht aufgrund längerer Vorlaufzeiten und gezwungenermaßen auf Verdacht, was der neueste Trend in der Zukunft sein wird, sondern orientiert sich an der tatsächlichen Nachfrage. Das spart eine Menge Zeit und Geld. Dies ist ein enormer Wettbewerbsvorteil.

Die Marketingstrategie von Temu verfolgt das gleiche Konzept. Man will die potenziellen Kunden auf so viele Artikel wie möglich aufmerksam machen. Um Traffic zu generieren, wird aggressiv auf allen Kanälen, die Gen Z und Co. verwenden, geworben. Nachhaltikeitstechnisch ist das natürlich katastrophal, doch weder die Konsumenten noch Temu scheint das groß zu interessieren. Durch billige Preise kommt es zu Massenversendungen, einem hohen CO2-Verbrauch und viel Müll. Doch die Werbetrommel des Konzerns dreht sich weiter. Und das mit Erfolg.


Der Verlierer: der deutsche E-Commerce

Die Preise sind billig, der Zulauf riesig – und der Aufschrei bei den Online-Händlern in Deutschland entsprechend groß. Wie geht man also mit der Konkurrenz aus Fernost um? Die deutsche E-Commerce-Landschaft hat sich in der Vergangenheit eher auf den Handel im eigenen Land konzentriert: stationär wie online. Man wollte lange Zeit nicht wahrnehmen, dass aber auch andere internationale Player mit ihren eigenen Spielregeln existieren. Dies wird nun zum Verhängnis. Durch extrem hohe Agilität in der Lieferkette ist Temu in der Lage, äußerst schnell auf Produkttrends beim Kunden zu reagieren. Und lässt deutsche Anbieter mit ihren höheren Preisen und längeren Verwirklichungsperioden im Regen stehen.

Hier wird schnell klar: Deutschlands E-Commerce muss innovativer und flexibler werden. Nicht mehr nur dem internationalen Markt hinterherhinken, sondern eigene innovative Schritte Richtung Zukunft unternehmen. Wenn man nicht auf Quantität setzen will, kann man sich auf Qualität spezialisieren. Dem Kunden muss es schmackhaft gemacht werden, mehr Geld auszugeben. Außerdem kann man mit dem Aspekt Nachhaltigkeit punkten. Obwohl viele junge Leute auf das Angebot von Temu und Co. anspringen, gibt es auch eine große Fraktion der Gesellschaft, die nachhaltige und fair-produzierte Produkte bevorzugt. Man muss diese nur anpreisen. Es gilt am Ball zu bleiben und gleichzeitig von der Masse herauszustechen – keine kleine Aufgabe.

Schließlich stellen sich auch rechtliche Fragen. Das Schlupfloch beim Zoll, das Temu so gern durch mehrere kleine Sendungen ausnutzt, gilt es zu erforschen. Wie können solche Tricks verhindert werden? Müssen unsere Einfuhrregeln verschärft werden, um dem heimischen Handel zu helfen? Hier stellt sich wiederum die Qualität vs. Quantität Frage. Viele Artikel, die von den chinesischen Riesen angeboten werden, sind Kopien anderer Modehäuser. Die rechtlichen Hintergründe dieser Plagiate sollten ebenfalls beleuchtet werden. Welche Möglichkeiten gibt es hier, um Temu Einhalt zu gebieten? Und wenn es welche gibt, sollte man hier eingreifen, bevor diese Online-Marktplätze die deutsche E-Commerce-Landschaft gänzlich übernommen haben? 

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